Diagnose Adhs – Segen & Fluch als Mama zugleich

Mein Sohn Ma. bekam die Diagnose ADHS mit sechs Jahren. Ab und zu denke ich an diese Zeit zurück. Es sind mittlerweile zwei Jahre vergangen und wir sind durch die Diagnose ADHS beide sehr gewachsen. Obwohl ich in den zwei Jahren oftmals dachte, wir zerbrechen daran, als Familie und ich als Mutter.

Ich möchte dir gerne erzählen, wie es zu der Diagnose kam und was in den letzten zwei Jahren passiert ist.

Eine lange ehrliche & private Mamageschichte.

Mein Sohn war ein sehr unauffälliges und fröhliches/soziales Kindergartenkind ohne ADHS Symptome.

Mein Sohn ging gerne in den Kindergarten und war ein sehr soziales Kind. Es gab in der Zeit nie ein Problem oder gar eine Auffälligkeit. Nicht zu dem Zeitpunkt und auch nicht als Kleinkind/Baby. Er mochte nur nicht so gerne im Morgenkreis sitzen. Aber da gibt es ja auch andere Kinder, die dies nicht mochten. Das Einzige, was ich bei meinem Sohn beobachtete, dass er gerne rannte. Beim bummeln durch die Stadt war er immer weit voraus. Aber ich dachte damals gut, er hat eben viel Energie. Welches Kind hat das nicht? Er wurde Vorschulkind und durfte dann auch ganz normal eingeschult werden.

Hätte ich ihn niemals an dieser Schule eingeschult.

Symbolbild https://www.pexels.com/

Für sein Kind will man nur das Beste. Als es um das Thema Schulanmeldung ging, habe ich mich natürlich umgehört, welche Schule in meiner Stadt gut für meinen Sohn sein könnte. Wenn du ein Kind hast, hast du das bestimmt auch getan, oder? Da gefiel mir das Konzept einer Montessori angelehnten Schule sehr. Dort müssen die Kinder anhand eines Wochenplanes lernen, sich selbst zu organisieren, aber sie können auch in ihrem eigenen Tempo arbeiten.

Hätte ich damals schon gewusst, dass uns diese Entscheidung fast das Genick brechen würde. Gerne hätte ich mein jüngeres Ich angeschrien und gesagt, das ich das sein lassen soll. Das es ein Fehler ist. Aber diese Möglichkeit gibt es leider nicht. Schade, dass Zeitreisen noch nicht erfunden wurden.

Ma. freute sich sehr auf die Schule. Er war sehr positiv gestimmt und stolz, als er dann 2018 eingeschult worden ist. Die erste Zeit verlief auch gut. Bis ich eines Tages einen Anruf von der Schule erhielt. „Ihr Sohn stört massiv den Unterricht, kommen sie bitte und holen ihn von der Schule ab“.

Ich saß damals selber noch in der Schule und war gerade im letzten Ausbildungsjahr zur Erzieherin. Als ich meinen Sohn abholte, senkte er den Kopf. Er dachte, es würde ärger geben, aber ich blieb stumm und hörte mir seine Klassenlehrerin an. „Ihr Sohn kann nicht still sitzen und hat im Unterricht immer wieder Grimassen geschnitten und andere Kinder geärgert, wir glauben, es ist heute keine gute Idee, ihn hierzubehalten.“

Also nahm ich meinen Sohn mit nach Hause.

Anruf von der Klassenlehrerin

Am Abend hat mich die Klassenlehrerin angerufen. Sie riet mir, meinen Sohn auf ADHS Testen zu lassen. Mein Sohn ADHS? Er doch nicht!. Im ersten Moment war ich geschockt. Im nächsten sauer, weil sie direkt anfing, von Erfahrungen über Medikamente mit ADHS zu berichten. Sie empfahl mir dringend, einen Termin beim Kinderpsychologen zu machen. Man weiß ja nicht, wie sich Ma. in Zukunft verhalten wird und ob sich das verstärkt. Ebenso wäre er so nicht lange tragbar. Dass er schnell nicht mehr tragbar sei, das wusste ich in diesem Moment noch nicht.

Am nächsten Tag ging er ganz normal zur Schule. Doch die Anrufe häuften sich, bis er eines Tages komplett in der Schule ausgerastet ist. Als ich dann wieder zur Schule zitiert wurde, wurde mir erzählt, er hat seine Klassenlehrerin geschlagen. Er wollte wohl irgendwas nicht machen (was genau weiß ich leider nicht mehr). Dabei wurde er richtig wütend, schmiss einen Stuhl um und beleidigte leider auch seine Mitschüler. Seine Klassenlehrerin wollte ihn beruhigen, indem sie ihn von hinten festhielt. Dies war meiner Meinung nach keine gute Idee. Mein Sohn ist dann erst recht total ausgeflippt und hat sich dann gewehrt. Dabei hat er leider seine Klassenlehrerin im Gesicht getroffen.

Mein Kind hat mit sechs Jahren eine Suspendierung und Klassenkonferenz bekommen.

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Die Schulleitung bat mich um ein Gespräch. Mein Sohn bekommt wegen seinem Verhalten eine Klassenkonferenz und eine Suspendierung von zwei Wochen. Ich war geschockt.

Die Klassenkonferenz war mir mehr als unangenehm. Dort saßen alle Lehrer, auch die Elternvertretung. Es wurde vorgelesen, wieso mein Sohn suspendiert wurde. Zum ersten Mal wurde mir klar, so geht es nicht weiter. Was ist bloß mit meinem Kind los? Vom liebevollen Kindergartenkind zur Suspendierung mit sechs Jahren.

Nach den zwei Wochen war er das erste Mal in der Schule und ich erhielt wieder einen Anruf. Er hätte sich vom Schulgelände entfernt. Also bin ich wieder hin und es war gerade Pause. Da beobachtete ich, wie Kinder um meinen Sohn standen und ihn hin und her schupsten. Kein Erwachsener weit und breit. Also schrie ich über den ganzen Schulhof und nahm mein Kind in Schutz. Anschließend holte ich direkt die Schulleitung, ob Mobbing an dieser Schule toleriert werden würde. Die Kinder mussten sich bei Ma. entschuldigen.

Mein Kind hat auf dieser Schule leider auch Mobbing erfahren müssen. Das oben war damals eine Situation, die ich direkt beobachten konnte. Mein Sohn erzählte mir immer wieder Geschichten, dass er gerne spielen will mit den anderen Kindern. Aber niemand möchte das und sie ärgerten ihn dann. Er verstand das überhaupt nicht. „Im Kindergarten hatte ich immer viele Freunde, Mama. Jetzt will aber keiner mehr mit mir spielen“. Er weinte oft.

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Diagnose ADHS: Termin beim Kinderpsychologen + Testung

Endlich war er da, der langersehnte Termin beim Kinderpsychologen. Nach dem Erstgespräch wurden mir Termine mitgegeben, für die Testung auf ADHS. Irgendwie hoffte ich immer noch, dass er kein ADHS hatte. Mein Kind ist doch nicht krank. Erst mal mussten sein Vater, die Schule und ich einen Fragebogen ausfüllen. Danach hat Ma. vier Termine bekommen mit einer Therapeutin, die verschiedenste Aufgaben mit ihm machte. Immer bei den Terminen, wenn ich im Wartebereich sitze, dachte ich hier sind wir doch falsch? Es kann doch nicht sein, dass mein sechs Jahre alter Sohn zum Kinderpsychologen muss. Doch es geht so auch nicht weiter. Die Schule meinte er könnte sich nicht konzentrieren, nicht auf dem Stuhl sitzen. Wäre motorisch sehr unruhig, impulsiv in seinem Verhalten.

Zweite Klassenkonferenz und Minimierung der Unterrichtsstunden

Als wir auf den Bericht warteten, passierte in der Schule wieder etwas. Meine eigene Klasse schaute mich an, als würden sie sagen „Oh Corinna, es tut uns so leid, was dir passiert.“, als ich wieder zur Schule meines Sohnes fahren musste. Mein Sohn wäre nicht mehr tragbar. Er bekommt eine Minimierung der Unterrichtszeit sowie eine zweite Klassenkonferenz. Ich hätte am liebsten geweint. Ich konnte einfach nicht mehr. Wie soll ich selber meine Ausbildung weitermachen? Wie soll das alles gehen?

Ich bin alleinerziehend. Im letzten Ausbildungsjahr zur Erzieherin. Mein Lebensgefährte unterstützte mich immer, war an meiner Seite, aber er konnte mir diese Last auch nicht von den Schultern nehmen.

Zuhause wurde es mit meinem Sohn auch immer schwieriger. Er wurde impulsiv, rastete aus, beleidigte mich, knallte die Türen. Ich war komplett überfordert und weinte oft. Was ist nur in diesem Jahr passiert?

Ich war am Ende meiner Kräfte, also ging ich zum Jugendamt.

Eine damalige Freundin hat mir empfohlen, zum Jugendamt zu gehen. Ich hatte das Gefühl, als Mutter versagt zu haben. Mit dieser ganzen Situation konnte ich einfach nicht umgehen. Ich versuchte meine Ausbildung zu machen, für meinen Sohn stark zu sein. Aber ich habe mich als Menschen komplett vergessen. Ich war einfach am Ende meiner Kräfte.

Bei dem Termin beim Jugendamt schämte ich mich, da zu sitzen. Eine Frau von Ma. Schule war auch dabei, um die Situation vonseiten der Schule deutlich zu machen. Vor der Einschulung war alles perfekt gewesen, ich war eine gute Mutter. Die Mitarbeiterin vom Jugendamt hörte sich alles an, sein Verhalten zuhause und auch in der Schule. Es gab zwei Optionen: einmal eine Familienhilfe oder Tagesgruppe (Teilstationäre Jugendhilfe). Sie riet mir zur zweiten Option. Dort würde er lernen, in einer Gruppe besser zurechtzukommen, könnte dort die Aufgaben von der Schule machen und ich wäre als Mutter entlastet und hätte mehr Zeit für meine Ausbildung. Also guckte ich mir die Einrichtung an und er ging drei Wochen später nachmittags dort hin von Montags- bis Freitags.

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Mein Sohn bekam endlich die Diagnose ADHS.

Die Wörter von dem Kinderpsychologen rauschten nur so an mir vorbei. In diesem Moment war mir egal, ob mein Sohn ADHS hat. Hauptsache, uns kann geholfen werden. Meinem Sohn muss geholfen werden. Also einigten wir uns das Ma. Medikamente bekommt. Genauso das, was man als Mutter überhaupt nicht möchte. Aber es musste einfach sein. Zusätzlich bekam er Konzentrationstherapie in der Gruppe.

Wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer werden.

Meine Mutter passte auf meinen Sohn auf, sodass ich zur Schule gehen und meine Ausbildung im letzten Jahr weitermachen konnte. Ich versuchte so gut es ging, alles zu machen. Auch wenn mir das meine Kräfte raubte. Meine Mutter war meine Rettung. Ohne sie hätte ich keine Betreuung für meinen Sohn gehabt. Ich dachte, es kann jetzt nur noch bergauf gehen, mein Sohn bekommt Medikamente. Ich mache meine Ausbildung so gut es geht zu Ende und alles wird gut. Doch so war es leider nicht.

Meine Mutter passte eines Vormittags auf meinen Sohn auf. Ich verabschiedete mich von ihr. Das war das letzte Mal, das ich sie sah. Sie verstarb am Abend leider plötzlich und es traf mich total unvorbereitet.

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Ich hatte keine Mama mehr, keine Betreuung für meinen Sohn. Mein Sohn verlor eine Bezugsperson, seine geliebte Oma. Mein kleiner Bruder musste mit 18 Jahren zu mir ziehen. Ich war schon vorher komplett überfordert, aber dies riss mir richtig den Boden unter den Füßen weg.

(Dazu möchte ich aber in einem anderen Blogartikel mal mehr schreiben.)

Das erste Schuljahr war fast vorbei

Alles lief richtig mies. Mir ging es richtig schlecht (ich musste die Ausbildung im letzten Ausbildungsjahr abbrechen) mein Sohn musste auch noch mit seiner Trauer umgehen. Ma. hat in der Schule nicht viel lernen können, aber kein Wunder, er war auch nur zwei Stunden täglich dort.

Mir war klar, wir brauchten einen Neuanfang. Also meldete ich meinen Sohn an einer anderen Schule an. Die Klassenlehrerin konnte einfach nicht mit einem Kind, das die Diagnose ADHS hat, umgehen.

Neue Schule, neues Glück. Mein Sohn wurde sogar Klassensprecher

Der Tag der Einschulung. Ma. wiederholte an einer anderen Schule die erste Klasse. Natürlich hatte ich Angst, dass sich all das wiederholt. Das es auch so einem Drama wird.

Aber er ist jetzt auf einer tollen Schule. Seine neue Klassenlehrerin ist eine wundervolle Person, die sein ADHS ernst nimmt, aber ihn auch nicht in eine Schublade steckt. Sie kann sehr gut mit ihm umgehen. Er wurde von den Kindern sogar zum Klassensprecher gewählt, hat viele neue Freunde gefunden.

Er ist mittlerweile in der zweiten Klasse und es gab von der Schule keinen einzigen Anruf wegen seinem Verhalten. Durch seine Medikamente, den Therapien und der Tagesgruppe ist es zu Hause wieder harmonisch. Natürlich stoße ich wegen seinem ADHS oft an meine Grenzen. Ich weiß aber er kann da nichts für. Es ist ein Teil von ihm. Wir wachsen gemeinsam.

Ich denke mir immer, wir haben so viel durchmachen müssen. Schlimmer kann es ab jetzt nicht mehr werden.

Mit meiner Geschichte möchte ich allen Müttern Mut machen.

Gebt nicht auf und wenn ihr nicht mehr könnt, sucht euch Hilfe. Ihr müsst das nicht alleine durchstehen. Ein Kind mit ADHS zu haben, ist oftmals nicht leicht. Aber es Stecken auch so viele wunderbare Eigenschaften in diesen besonderen Menschen. Es ist, wie ich finde, ein Segen und Fluch zugleich. Ein Segen, weil ich Ohne sein ADHS vielleicht nicht so eine starke Mutter wäre, wie ich sie heute für ihn bin.